Wie versprochen schicke ich euch einige Fotos und Geschichten von Urur-Opas Laden.

In diesem Haus in Offenburg, in der Gerberstraße Nr. 5., wohnten wir mit unseren Großeltern. Im Erdgeschoss war „Urur-Opas Laden“ – Leih-Bücherei, Geschenkartikel, Schreibwaren, Krimskrams. Morgens stellte Urur-Opa Erich Werbe-Aufsteller für Zeitungen vor den Laden. Weil Opa Erich früher Konditor war, stand er immer sehr früh auf. Gegen 4 Uhr konnten die ersten Kunden, die zur Frühschicht gingen, schon für 5 oder 10 Pfennige die BILD-Zeitung kaufen.
Sonntags war der Laden geschlossen. Opa Erich war aber trotzdem schon wach. Spätestens um 5 Uhr machte er die Tür zum Wohnzimmer auf. Dort lag ich in meinem Bett und stellte mich schlafend, weil ich noch nicht aufstehen wollte. Spätestens nach ½ Stunde schaute er wieder rein. Er brummte: „Wie kann man nur so lange schlafen …“ mit der Zeit wurde er immer ungeduldiger und lauter. „… immer noch nicht wach …“ Spätestens um 7 Uhr wars ganz aus mit der Ruhe und ich stand auf.
Im 1. Stock wohnten Oma Hedwig und Opa Erich in 2 kleinen Zimmern. Es gab noch einen größeren Raum, das Lager für das Geschäft. In vielen großen Regalen wurde der Nachschub aufbewahrt, für den im Laden kein Platz mehr war. Außerdem gab es ein Klo und daneben ein Bad mit Badewanne und „Wurstkessel“, in dem das Wasser für das wöchentliche Bad geheizt wurde.
Im 2. Stock wohnten Brigitte und ich mit unseren Eltern.

Urur-Oma Hedwig und Urur-Opa Erich (Eltern von Ur-Opa Erwin). Ich lasse die Urs mal weg, das artet sonst ja aus. Oma Hedwig schaut so grimmig, wie sie meistens auch war. Opa Erich sieht etwas müde aus. Er hatte aber meistens gute Laune, außer wenn er gerade mit Oma Hedwig gestritten hatte. Er machte auch gerne Witze.
In den Regalen seht ihr Stifte, Pinsel, Schulhefte, Papier aller Art, etc.

Der Laden war ein Familien-Geschäft. Oma Elisabeth (meine Mutti) arbeitete als Verkäuferin. Opa Erwin (mein Vati) war Fotograf und arbeitete in einem Fotogeschäft. Er entwickelte in der Dunkelkammer Fotos. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam half er im Laden. Er übernahm z.B. die Schaufenster-Deko.
Für mich war der Laden ein schöner Spielplatz. Ich rannte von vorne nach hinten und wieder zurück. Mitten im Laden gab es eine Säule. Ich fasste mich mit einer Hand an und rannte rundherum und anders herum.
Nur wenn Kunden kamen musste ich still sein. Ich verdrückte mich in eine Ecke oder stürmte nach oben in unser Wohnzimmer.

Maria war unsere Verkäuferin. Ich habe sie geliebt. Sie war immer fröhlich und hat Späße mit mir gemacht, hat mich gejagt, gefangen und gekitzelt. Natürlich nur, wenn keine Kunden da waren.
Wenn ihr dieses Bild mit dem zweiten vergleicht, dann seht ihr einen Unterschied. Den Zeitschriften-Ständer in der Mitte hat Opa Erwin gebaut. So sind alle Hefte und Romane übersichtlich angeordnet. Vorher lagen sie immer auf dem Tisch und sind verrutscht, wenn jemand was gesucht hat.
Hinter dem Ständer war die Registrier-Kasse versteckt. Da wurden alle Einnahmen eingetippt. Links neben dem Ständer, hinten an der Wand, hing später unser Telefon. Opa Erich war sehr stolz darauf. Er konnte jetzt mit dem Großhändler telefonieren, wenn er etwas bestellen wollte. Als ich etwa 10 oder 11 Jahre alt war wurde ich immer geschickt, die Waren abzuholen. Ich fuhr mit dem Fahrrad zum „Grossist“ und besorgte alles.
Brigitte und ich durften nicht telefonieren. Es hätte auch gar keinen Zweck gehabt. In meiner Klasse gab es nur eine Mitschülerin, deren Eltern auch ein Telefon hatte.

Ich habe Maria meine Mütze aufgesetzt. Sie ist wirklich für jeden Spaß zu haben.
Die Kundin wird heute von Onkel Bernd bedient. Er hat sich extra fürs Foto dahin gesetzt. Sonst hat er sich nicht oft blicken lassen. Ich glaube sogar, dass es das einzige Mal war. Onkel Bernd war auch Konditor oder Bäcker? Diesen Beruf konnte er nicht mehr ausüben. Im Krieg hatte er sich bei einem Unfall den Kopf verletzt. Dadurch hat er seinen Geschmacks-Sinn verloren. Das ist natürlich schlecht, wenn man als Bäcker nichts mehr schmecken kann. Er ist dann Polizist geworden.
Als ich älter war (so ab 11), saß meistens ich auf dem Platz hinter dem Schreibtisch. Nachmittags nach der Schule natürlich und wenn ich mit den Hausaufgaben fertig war. Begeistert war ich davon nicht gerade. Vor allem, wenn meine Mitschülerinnen sich im Schwimmbad getroffen haben. Aber ich hatte ja nicht jeden Tag Dienst. Nachmittags war ich oft unterwegs zum Völkerball spielen. Weil keiner ein Handy hatte, mussten wir uns morgens in der Schule verabreden oder wir fuhren auf gut Glück mit dem Rad zu unserem Treffpunkt. Wenn keiner da war, Pech gehabt.
Mein Dienst in der Leihbücherei hatte auch Vorteile. Wenn gerade keine Kunden da waren, konnte ich lesen soviel ich wollte. Ich hatte mein Buch in die Schublade gelegt. Wenn ein Kunde oder eine Kundin kam, schob ich die Schublade zu und grüßte freundlich. Ich zog die Kundenkarte aus dem Karteikasten und trug dort die Bücher ein, die ausgeliehen wurden. So behielten wir einen Überblick. Wenn die Kunden ihre Wahl getroffen hatten, stempelte ich das Datum in das vorgesehene Kästchen ins Buch. Nach 2 oder 4 Wochen mussten die Bücher zurück gegeben werden. Genau weiß ich es nicht mehr. Wer zu spät abgab musste Strafe zahlen, 50 Pfennig oder so.
Im Lauf der Zeit habe ich alle Bücher gelesen und konnte die Kunden ganz gut beraten. Ich wusste wo alle Bücher zu finden waren.
Alle Bücher-Regale hat Opa Erwin gezimmert.
Bevor die Bücher verliehen wurden, bekamen sie einen Umschlag aus durchsichtigem Plastik. Die Plastikteile wurden auf eine bestimmte Art ausgeschnitten und vorsichtig aufgeklebt. Das war nicht so einfach und ich freute mich, als ich geschickt genug war und das auch machen durfte. Na, ja, ehrlich gesagt war das auch manchmal lästig.
Einmal (oder zweimal?) im Jahr wurden die Bücher gewaschen, nicht mit Wasser, sondern mit Schaum. Oma Hedwig rührte Spülmittel in einen Eimer Wasser. Sie zeigte uns ganz genau, wie wir es machen mussten. Die Bücher durften auf keinen Fall nass werden. Wir mussten den Schwamm im Spülwasser so lange eintunken und ausdrücken, bis nur noch Schaum aus dem Schwamm kam. Dann wischten wir damit die Bücher ab. Die obere Seite wurde nur abgetupft.





